Kassensturz: SBB wird teurer!


Vor einigen Tagen traf ich zusammen mit einem weiteren Zugchef auf ein Fernsehteam im Zürcher HB. Als wir erfuhren, dass sie einen Beitrag für den Kassensturz machen, war uns bereits klar, wie der Beitrag enden wird. Noch nie hat der Kassensturz einen positiven Beitrag über die SBB gebracht. Irgend ein SF-Redaktor scheint ein Problemchen mit der SBB zu haben und sucht deshalb laufend nach neuen Nadeln im Heuhaufen SBB.

Diesmal hat er zwei Nadeln namens “Platzangebot” und “Preiserhöhung” gefunden.

Die SBB ist im Durchschnitt zu 30% ausgelastet. In der Rush Hour sind es natürlich deutlich mehr. Doch die wenigsten Züge sind zu 100% oder mehr besetzt. In meiner gesamten SBB-Karriere jedenfalls fuhr ich erst zweimal in einem wirklich bis auf den letzten Platz besetzten Zug mit. Über den Daumen gepeilt schätze ich mal grob, dass ich bisher ca. 2,500 Züge begleitet habe. Dies würde bedeuten, dass nicht mal jeder 1,000. Zug überfüllt ist.

Aus meiner Kondukteur-Tätigkeit weiss ich, dass wir Schweizer einen Zug als “voll besetzt” betrachten, wenn es kein vollkommen freies Abteil mehr hat. Ein Abteil hat jedoch bis zu vier Plätze und teilweise noch mehr. In einem Extrem-Beispiel gesehen wäre es also vorstellbar, dass in jedem 4er-Abteil eine Person sitzt und noch drei Plätze frei sind; der Zug ist also zu 25% ausgelastet. Die Fahrgäste betrachten ihn jedoch als “voll”… Ok, das ist ein fiktives und unwahrscheinliches Beispiel, doch meine Erfahrung zeigt, dass die Fahrgäste anfangen sich über das Platzangebot zu beschweren, wenn der Zug zu 50% aufgelastet ist.

Bezüglich der geplanten Preiserhöhungen muss man eines beachten:
- 6% mehr Fahrgäste reisten im letzten Jahr mit der SBB (verglichen mit dem Vorjahr)
- 50% mehr Plätze bietet die SBB dank Bahn 2000 an
- 3.1% oder leicht mehr soll die Preiserhöhung auf einzelnen Strecken betragen

In Bezug auf die 50% mehr Plätze relativieren sich also die Preiserhöhungen sehr stark. Dies scheinen die SBB-Kunden auch so zu sehen: Die Kundenzufriedenheit stieg auch dieses Jahr wieder an. Trotzdem will die SBB im Dezember die Preise nicht einfach erhöhen, ohne nicht auch gleich weitere Verbesserungen aufzugleisen:

  • Zwei Züge zusätzlich pro Stunde von Zürich nach Bern und umgekehrt
  • Neue 9-Uhr-Tageskarte für CHF 54.- (bisherige Tageskarte kostete CHF 56.-)
  • Weitere Taktverdichtungen auf stark befahrenen Strecken
  • Verbesserte Kundeninformationssysteme

Übrigens: Halbtaxabo, Gleis7, Juniorkarte und Enkelkarte bleiben weiterhin gleich günstig wie bisher.

Auf der Homepage vom Kassensturz fand ich bereits die ersten Reaktionen auf den Beitrag. Diese will ich euch nicht vorenthalten; hier sind sie, zusammen mit kurzen Kommentaren meinerseits:

Voelin Daniel, Neuhausen:
“Man könnte ja 2-3 Wagen anhängen, schon wäre ein Teil gelöst.”
-> Klar, könnte man, doch wer bezahlt die zusätzlichen Wagen? (Beschaffung, Unterhalt etc.) Zudem verfügen viele Züge in der sogenannten Rush Hour bereits über die Maximal-Länge und können nicht mehr verlängert werden, weil die Perrons der Bahnhöfe zu kurz wären.

Peter Hochstrasser, St. Gallen:
“Auch wenn die Einzelbiliette teurer werden, ist die Bahn immer noch günstiger, als die Fahrt mit dem eigenen Fahrzeug.”
-> So ist es! Endlich mal einer, der rechnen kann. ;o)

Peter Hochstrasser II, St. Gallen:
“Verspätungen sind in der Regel minimal, die SBB sind die pünktlichste Bahn der Welt. Sitzplatzmangel ist manchmal vorhanden, oft liegt der Grund bei den Passagieren selbst, viele brauchen für sich zwei Plätze und machen ungern Platz.”
-> Das Problem mit den Fahrgästen, welche mehrere Sitze brauchen, kenne ich…

Christian Stricker, Widnau:
“Wenn die Billetpreise wieder steigen, dann muss wirklich jetzt dann mal etwas gehen. Auch auf sogenannten Nebenstrecken wie das St. Galler Rheintal. Dort fahren uralte Zugskompositionen, welche gar nicht kundenfreundlich sind.”
-> Da bin ich gleicher Meinung! Doch meines Wissens werden die Preise im Rheintal nicht erhöht. (Korrigiert mich bitte, wenn ihr da mehr wisst als ich!)

Sylvia Heini, Zürich:
“Die SBB sind Spitze, was die Dienstleistungen anbelangt wie Sicherheit, Personalfreundlichkeit, Frequenzen der Züge und Sitzkomfort mit eben der Ausnahme der oft zu vollen Zügen zu Stosszeiten.”
-> Muchos Gracias!

Carlo Massetti, Bassersdorf:
“Was das Platzangebot angeht kann ich nur feststellen… Sitzplätze hätte es meistens genug wenn nicht jeder zweite Passagier auch einen zweiten Sitzplatz für seine Einkäufe, Turntasche, Labtop usw. in Anspruch nehmen würde. Ich finde das Preis/Leistungsniveau angemessen.”
-> Hatten wir doch schonmal, oder?

Christian Pircher, Ilanz:
“Die Schweiz hat den besten Öffentlichen Verkehr der Welt.”
-> Amen!

Christian Pircher II, Ilanz:
“Im Stundentakt von S-chanf nach St-Cergue, von Rodersdorf nach Caslano. Die Bahnen und Busse erweitern das Angebot laufend, es werden neue Züge und Busse mit mehr Sitzplätzen beschafft, der Viertelstundentakt zwischen Zürich und Luzern wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Fragen Sie einen ausländischen Touristen - er ist vom Schweizer Transportsystem begeistert: extrem wenig Verspätungen, schlanke Anschlüsse (auch auf Busse)und ein einfaches Tarifsystem (keine Vorbuchung, keine Umtauschgebühren, keine Zuschläge, keine Einschränkungen in der Zugsbenützung).”
-> Wow, danke!

Marcel Tschumi, Wangen a.A.:
“Das Bahnfahren ist heute eindeutig zu teuer!Eine Erhöhung der Preise bei über 200 Mil.Gewinn ist jenseits von Glaubwürdigkeit! Jetzt ist genug der Abzockerei in der Schweiz!”
-> Davor hatten wir noch einen Verlust von vielen Millionen; der Gewinn gleicht das also wieder aus. Würden wir jedes Jahr einen Gewinn in dreistelliger Millionenhöhe machen, denke ich nicht dass die Preise erhöht würden.

Marcel Friedli, Stettlen:
“Es ist einfach über die steigenden Preise zu wettern bei der SBB und alles in Frage zu stellen, dabei hätte man im eigenen Haus selber viel zu tun in Sachen Leistung, ist es doch Tatsache, dass das Fernsehen auch immer teurer wird, die Leistungen aber immer schwächer. Nun kommt noch die Sommerzeit und die ist ja bekannt für ihr Ladenhüter-Programm. Mein Tipp, schauen sie selber mal in den Spiegel, als ihn nur immer den Anderen hinzuhalten.”
-> Glaub mir, der Kassensturz hält SF für den besten TV-Kanal! Weltweit! Gegen SF sind BBC und CNN nur kleine Mäuse! Muhahah! ;o)

Heinrich L., CH:
“Die SBB erreichen mehr und mehr 3. Welt niveau mit dem Wagenmaterial.”
-> Und ich dachte, wir hätten erst vor kurzem neue Züge (Doppelstock-S-Bahnen für Zürich, FLIRT für diverse Regionallinien & Thurbo) bestellt. Muss ich wohl falsch informiert sein…

Vroni Landolt, Olten:
“Gut Putz aber sofort bitte.”
-> Ihr könntet uns dabei helfen, wenn ihr eure Pendlerzeitungen mitnehmt und eure Abfälle in den Eimer entsorgt.

Philippe Zuberbühler, Oberwil:
“Hoffentlich gibt es bald auch im öffentlichen Verkehr in der Schweiz endlich eine totale Liberalisierung. Der Betrieb/die Konzession für Teilstrecken oder das ganze Netz sollte man sofort international auschreiben und die Preiserfindung für die Konzession muss mit einer “reversed e-Auction” nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen stattfinden. Dann würde die Fahrpreise (ähnlich wie im europäischen Luftverkehr) rasch auf ein vernünftiges Niveau fallen.”
-> Hoffentlich bleibt dabei die Sicherheit nicht auf der Strecke… Denkst du wirklich, dass so ein Easy-Train (oder wie auch immer man die Billig-Züge dann nennen wird) besser gereinigt wird und über besseres Rollmaterial verfügt? I don’t think so…

Gottlieb Dändliker, Commugny:
“Sehr zufrieden, den grössten Teil des Tages kann man Zürich -Bern sehr konfortabel reisen. sie sollten das auch erwähnen Die konstante Steigerung des Angebotes ist eindeutig zu sehen, dazu die Teuerung, dies rechtfertigt die Preispolitik der SBB. Sie soll auch korrekte Löhne zahlen können.”
-> Jawohl, ich will weiterhin meine jährlichen CHF 450′000.- einen gerechten Lohn! ;o)

Nun bin ich gespannt auf eure Meinungen! ;o)

4 Kommentare zu “Kassensturz: SBB wird teurer!”

  1. Dave am 26.06.2007 um 17:04

    Das finde ich einen interessanten Beitrag. Danke!
    Ich mag den Kassesturtz eigendlich, aber da scheinen sie wirklich nicht das richtige zu behaupten!

  2. Anonymous am 26.06.2007 um 17:22

    Als heavy user, der jeden Tag 6 Stunden pendeln muss, bin ich in der Regel sehr zufrieden. Wenn man nicht immer in der Stosszeit fährt, dann ist die SBB super.

  3. Glenn am 27.06.2007 um 04:14

    Den Bericht über dieses Thema gibts hier: http://www2.sf.tv/sf1/kassensturz/sendung/beitrag.php?beitragid=1501
    Naja, ich fahre selbst fast täglich mit ÖV’s, habe ab und zu auch nur einen Stehplatz, aber da Zugfahren immernoch günstiger (und meistens Stressfreier) ist als das Auto, bleibe ich wohl noch eine Zeit Pendler.
    Das was hier im Video von Kassensturz “beklagt” wird finde ich krank, die suchen nach jedem kleinsten Grund um die 15min Beitrag zu füllen..
    Es wird aber nie erwähnt, dass (wie schon erwähnt) für Reinigung und Personal auch Mehrkosten entstehen.

  4. Andreas am 27.06.2007 um 05:11

    Der Kassensturz-Beitrag erweckt zudem den Anschein, als sei der SBB das Platzproblem sch***egal. Das ist es jedoch mit Bestimmtheit NICHT! Die SBB versucht laufend, dieses Problem zu verbessern.

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